溫度日記
Hearty Journal

Sand
Sie spürte die sanften Sandkörner unter ihren Füßen, als sie den Steg hinunterschritt. Der kühle Wind wehte durch ihre schulterlangen Haare. Immer wieder strich sie ihre dunkelgrauen Strähnen aus dem Gesicht. Schritt für Schritt ging sie weiter, bis der Steg gänzlich unter dem weißen Sand verschwunden war. Früher wäre sie die letzten Meter bis zum Meer gerannt, aber mittlerweile fielen ihr die Schritte schwer. Die Möwen kreischten lauthals über ihrem Kopf, doch sie hörte sie kaum. Nicht nur ihre Schritte waren schwerfällig, auch ihr Gehör hatte mit den Jahren nachgelassen. Aber das Meer. Das leichte Rauschen des Meeres hörte sie noch klar und deutlich. Je näher sie dem Wasser kam, desto lauter hallte es in ihren Ohren. Plötzlich fegte ein riesiger Schwall Sand über ihre Füße. Ein paar Sandkörner gelangten unter ihrer Brille hindurch in ihre Augen. Schlagartig musste Ella blinzeln. Mit ihrer freien Hand rieb sie ihr Auge. In der anderen hielt sie ihre blauen Turnschuhe mit den roten Punkten fest umklammert. „Entschuldigung“, rief eine junge, schüchterne Stimme. Ella schaute sich verdutzt um. Direkt vor ihren Füßen war ein schneeweißer Volleyball gelandet. Ein Kind kam auf sie zugelaufen. Mit gesenktem Blick hob es den Ball auf, wandte sich zu Ella und sagte: „Tut mir leid, ich wollte Sie nicht abwerfen. Ehrlich!“ Ella schaute das Kind an. Das Kind mit dem blonden Lockenkopf und den strahlend blauen Augen. Es dürfte um die sechs, sieben Jahre alt sein. Das Kind erinnerte sie an ihre eigenen zwei Kinder. Als sie klein waren sahen sie auch so aus. Kleine blonde Lockenköpfe mit strahlend blauen Augen. Ella lächelte, „ist nicht schlimm“. Sie nahm den Ball hoch und warf ihm dem Kind zu. Das Kind sprang hoch und fing den Ball gekonnt mit einer Hand. „Danke, einen schönen Tag noch“, rief es, bevor es sich umdrehte und schnell zurück zum Volleyballnetz lief. Ella ging weiter, immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie war glücklich. Obwohl der Tage eigentlich keinen Tag zur Glückseligkeit bedeutet. Denn heute wollte sie sterben. Nach ein paar Schritten durch den weichen, feinkörnigen Sand, hatte sie das Wasser erreicht. Eine kleine Welle rollte auf sie zu und umringte ihre sandigen Füße. Ella blieb stehen und schloss für einen Moment die Augen. Sie genoss das Gefühl. Das Gefühl der sanften Wellen, die ihre Füße weiter eintauchten. Das Wasser war eiskalt, doch das störte sie nicht. Sie war immer eine Person gewesen, die schnell fror und die Wärme liebte. Doch zum ersten Mal störte sie die Kälte nicht. Sie störte auch der noch kältere, aufbrausende Wind nicht. Ella war einfach glücklich. Dieses Gefühl hatte sie schon lange nicht mehr gespürt. Sie war froh, dass dieses Gefühl wieder kam. Zu dieser Zeit. An diesem Ort. Sie wollte glücklich sterben.Sie stellte ihre Turnschuhe in den Sand. Ein Stück abseits vom Ufer, damit das Meer sie nicht wegspülen könnte. Irgendjemand würde diese Schuhe an sich nehmen. Bestimmt. Ella blickte nach vorne in Richtung Horizont. Die Sonne ließ sich an diesem Nachmittag nicht blicken. Der graue wolkenverhangene Himmel war im Einklang mit den kühlen, dunklen Wellen und dem harschen Wind. Es war ein ungewöhnlich kühler Tag. Dabei war es August. Ellas Lieblingsmonat. Gerne hätte sie noch einmal die Sonnenstrahlen ihre Nase kitzeln gespürt. Aber trotzdem störte sie das Wetter nicht. Denn sie war am Meer, das war das einzige was zählte. Sie liebte das Meer. Sie hatte es immer geliebt. Als Kind, als Teenager, als Junge Erwachsene, als Mutter. Am Meer war sie glücklich. Hierhin hatte sie ihre erste Reise mit Arnold unternommen, als sie beide frisch verliebt waren im zarten Alter von 23 Jahren. Das war jetzt viele Jahre her. Aber ihre Liebe war über all die Jahre geblieben. Bis zum Schluss und darüber hinaus. Ein Jahr war Arnold nun schon tot. Ella hatte in dem Jahr nie wieder Glück gespürt. Bis jetzt. Sie hatten ihn auf See bestattet. Das hatte er so gewollt, denn er hatte das Meer geliebt, genau wie Ella. Jetzt würde sie zu ihm gehen. Das Wasser stand ihr bereits bis zum Bauchnabel und sie schwamm los. Ein Zug nach dem anderen. Sie vergaß alles um sich herum. Es gab nur noch sie und das Meer. Und Arnold. Sie hörte nicht die Rufe vom Strand, sah nicht die Boje, die sie passierte. Sah nicht den Windsurfer, der auf sie zukam. Noch ein Zug und noch einer. Sie schwamm bis sie nicht mehr konnte, dann ließ sie sich auf dem Rücken treiben. Ihr faltiges Gesicht sah plötzlich wieder jung aus und auch ihr Haar wurde heller. Sie sah wieder aus wie mit 23. Und dann wurde alles um sie dunkel. Sie hörte nur noch das Rauschen des Wassers. Sie spürte die wiegenden Wellen unter ihrem federleichten Körper. Als sie die Augen wieder öffnete, schien die Sonne. Sie verlor kurz das Gleichgewicht bei dem Versuch, sich im Wasser vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Sie schaute sich um. Eine Gruppe Windsurfer*innen glitt in der Ferne über das Wasser. Sie war doch gar nicht mehr so weit draußen. Sie war fast wieder am Strand. Irritiert schaute sie sich um und strich sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht. Und da sah sie ihn ins Wasser laufen. Den großen Mann mit dem dichten, dunkelbraunen Haar und den strahlendblauen Augen. Arnold. Er lief auf sie zu. Ella strahlte und lief ihm entgegen. Sie stürzten aufeinander und hielten sich fest im Arm. Ella küsste Arnolds weiche, zart rosafarbene Lippen. Er schmeckte nach Salz. Sie waren wieder 23. Und glücklich. Unter dem dunkelgrauen Himmel war der Strand leer geworden. Das Kind mit dem Volleyball verließ mit dessen Müttern den Strand. Es blickte zurück und sah ein Paar dunkelblaue Turnschuhe mit roten Punkten am Wasser stehen. Hatte die alte Frau nicht solche Schuhe getragen? Aber sie war nirgendwo zu sehen. Das Kind dachte sich nichts dabei. Der Windsurfer kam aus dem Wasser. Er sah ebenfalls die Schuhe. Auch er dachte sich nichts dabei. Die Badeaufsicht schloss das rote Aufsichtshäuschen ab. Feierabend. Im Wasser war niemand mehr. Die Frau war verschwunden. Der Wind verwischte langsam ihre Fußspuren im Sand und vergrub auch die Schuhe. Es blieb nichts zurück als das Schreien der Möwen und das leise Rauschen des weiten Ozeans.

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